"Also werden Haushaltslöcher wieder auf Kosten unserer Kinder gestopft!"

Diskussionsrunde mit Helge Limburg (Die Grünen) Diskussionsrunde an Albert-Schweitzer-Schule zur geplanten Lehrermehrarbeit/MDL Helge Limburg (Die Grünen) erntet scharfe Kritik von Eltern, Schülern und Lehrern

Ob Schülerdemonstrationen, Lehrerproteste, Elternunmut oder die Aussetzung von Klassen- und Studienfahrten – das Land Niedersachsen kommt im Bereich Schule derzeit einfach nicht zur Ruhe. Vor diesem Hintergrund lud für Montag, dem 2.12., der Personalrat des Nienburger Gymnasiums Albert-Schweitzer-Schule zu einer abendlichen Diskussionsrunde mit zwei Vertretern der Landesregierung, den Landtagsabgeordneten Helge Limburg (Die Grünen) und Grant Hendrik Tonne (SPD). Während MdL Tonne aus persönlichen Gründen sein Erscheinen absagte, waren Eltern, Schülervertreter und Lehrkräfte zahlreicher Schulen aus dem Umland der Einladung in großer Zahl gefolgt und füllten das Forum der ASS am Nordertorstriftweg. Im Zentrum der Diskussion standen die Auslöser des Schulunfriedens: die geplante Arbeitszeiterhöhung bei Lehrkräften an Gymnasien sowie die Streichung der Altersermäßigung an allen Schulformen. Dass diese Pläne der Landesregierung nicht nur die Lehrkräfte treffen, sondern reichlich Sprengkraft für Lehrer, Eltern und Schüler gleichermaßen bergen, wurde in einer stellenweise emotionalen, bei aller Brisanz jedoch meist sachlich geführten Diskussion schnell deutlich. Neben der Arbeitszeiterhöhung der Lehrkräfte rückten schnell damit verbundene Aspekte in der Vordergrund: Wie soll angesichts der Pläne die Schulqualität am Gymnasium erhalten bleiben? Warum gefährden die Pläne der Landesregierung die Lehrer-Schüler-Beziehung, warum die Gesundheit der Lehrkräfte? Wieso wird durch die geplanten Maßnahmen die Zukunft des Gymnasiums in Frage gestellt?            

 

Der Landtagsabgeordnete Helge Limburg hatte gleich anfangs die Befürchtung geäußert, dieser Abend werde unangenehm für ihn. Und das wurde er tatsächlich. Der Fragebedarf der irritierten, zum Teil aufgebrachten Anwesenden war so ausgeprägt, dass ganze Reihen an Wortmeldungen gesammelt und gebündelt werden mussten. Dabei musste der Politiker einräumen, dass er über die vielfältigen Aufgaben, die Gymnasiallehrkräfte über die festgelegten 23,5 Unterrichtsstunden hinaus zu leisten haben, nur unzureichende Kenntnisse besitzt. Eine Lehrkraft versuchte von der seit Jahren wachsenden Arbeitsbelastung eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln. Der Lehrer hob neben dem intensiven Fachbücherstudium und der zeitraubenden Unterrichtsvorbereitung in der gymnasialen Oberstufe die langwierige Korrekturbelastung durch Klausuren und Abiturgutachten hervor. Diese sei der Grund, dass im Vergleich zu anderen Schulformen Gymnasiallehrkräfte eine geringere Unterrichtsstundenzahl hätten. Denn auch so liege nach unabhängigen Studien die tatsächliche Arbeitszeit bei etwa 50 Stunden. Und dies sei weit höher als die erlaubte Obergrenze von 40 Wochenstunden im öffentlichen Dienst. 

Mehrere Schülervertreter berichteten, dass die große Mehrheit der Lehrkräfte äußerst engagiert sei und schon jetzt an die Grenzen gingen.

Ein sich mitten in der Ausbildung befindlicher Referendar betonte, dass die Anhebung der Lehrerarbeitszeit neue Stellen verhindere. „Die Landesregierung will, dass Schulen innovativen und kompetenten Unterricht bieten und die Inklusion bewältigen. Warum wird dann aber gerade an den Referendaren gespart, die auf Steuerzahlerkosten top ausgebildet werden, auch für die Inklusion? Meine Ausbilderin teilte mir mit, dass ich nach dem Referendariat auf der Straße stehen werde.“ MdL Limburgs Hinweis auf den Sparzwang für den Landeshaushalt sorgte für Kopfschütteln der Anwesenden. „Wieso soll ausgerechnet im Bildungsbereich noch das letzte Geld aus den Schulen herausgepresst werden, um den Haushalt zu sanieren? Wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet an unserer Zukunft, den Kindern, zu sparen?“, verlangte ein Lehrer Auskunft. Mehrere Schülervertreter berichteten, dass die große Mehrheit der Lehrkräfte äußerst engagiert sei und schon jetzt an die Grenzen gingen: „Unser Physiklehrer hat morgens schon Ringe unter den Augen, weil er so lange gearbeitet hat. Und jetzt soll noch draufgesattelt werden.“ Die Schüler strichen hervor, für gutes Lernen sei Zeit in der Lehrer-Schüler-Beziehung wichtig. Sie bedauerten daher gerade die Streichung von Klassen- und Studienfahrten. Dies machten die Lehrkräfte aber schweren Herzens, nur so könne ein Signal gesetzt werden.                                                                                                                                                                                                           

Der Grünen-Abgeordnete äußerte Verständnis für den Unmut der Anwesenden, blieb bei seiner Ankündigung, die Landesregierung werde Entlastungsmöglichkeiten suchen, hingegen sehr allgemein. Sehr deutlich wurde er aber am Ende: Die Folgen der Pläne seien bedauerlich, er werde diese aber mit seiner Stimme mittragen. Der Grund: Die rot-grüne Landesregierung müsse ihren Haushalt und damit ihre Koalition durchbringen. Die darauf folgende Wortmeldung bildete zugleich das passende Schlusswort zur Diskussion. „Also werden die Haushaltslöcher wieder auf Kosten unserer Kinder gestopft! Ich könnte an die Decke gehen!“, entfuhr es einer Mutter. 

 

Vh

Helge Limburg stellt sich den kritischen Fragen von Eltern, Schülern und Lehrkräften der BBS Nienburg, des Marion-Dönhoff-Gymnasiums, der Gymnasien Stolzenau, Hoya, Sulingen, Neustadt am Rübenberge, Bruchhausen-Vilsen, des Hildegard von Bingen Gymnasiums Twistringen und nicht zuletzt der Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg.