Spiel mit der Zeit an der Albert-Schweitzer-Schule

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Wie lange muss ich an einem Keks knabbern, um meinen Mitmenschen auf den Keks zu gehen? Die Antwort auf diese brennende Frage kennen seit Neuestem die Besucher des Bühnen- und Ausstellungsprogramms „Zeit.Spiel“ an der ASS und sie soll hier vorab verraten werden: Es kommt auf die innere Ruhe und Gelassenheit desjenigen an, der der Keksverspeisung beiwohnt. Doch dazu später mehr.

0849a1c3a86dd0f39203ac1e60e61cfe.JPGIm Unterricht des Kurses „Darstellendes Spiel“ entwickelten angehende Abiturientinnen und Abiturienten zusammen mit ihrem Lehrer, Andreas Busch, die Idee, sich darstellerisch mit dem Thema „Zeit“ auseinanderzusetzen. Die erstaunlichen, geistreichen und teils provokativen Ergebnisse präsentierte die Gruppe am letzten Schultag vor den Osterferien unter dem Titel „Zeit.Spiel“ in einem abendfüllenden Programm. Bei dieser Gelegenheit konnten die Jugendlichen zeigen, wie unterschiedlich und kreativ sie sich an das wenig greifbare und oft nur subjektiv wahrnehmbare Phänomen angenähert hatten. Die Gäste besuchten zunächst eine Ausstellung mit lebendigen Installationen zum Thema. Unter anderem wurde Zeit verkauft, defekte Uhren wurden verschenkt, eine Schülerin versuchte fleißig, 24 Sanduhren gleichzeitig zu bedienen; die originellen Exponate bestachen durch ihren Kontrast zwischen Beschleunigung und Entschleunigung.

So konnte man etwa Bewegungstheater zu ruhigen Einschlafmelodien genießen oder sich Installationen zum Thema Langsamkeit anschauen. Im Gegenzug wurden selbst gedrehte, hektische Zeitrafferdarstellungen der Tagesabläufe von Schülerinnen auf Smartphones gezeigt, und zwar so, dass nur der Mund der entsprechenden Protagonistin auf dem Display zu sehen war. Die jeweilige Darstellerin hielt sich das Handy dann bei der Vorführung vor ihren eigenen Mund. Zwischen den Installationen wartete ein Kursteilnehmer demonstrativ und geduldig auf seinen folgenden Auftritt. Als gleichzeitig alle Handywecker der 52e3ffdbb01c2a26f60dd26bd8737a8f.JPGJugendlichen klingelten, begab man sich in die Aula des Gebäudes im Nordertorstriftweg. Die 100 Gäste - für mehr wäre kein Platz gewesen - konnten erleben, wie verschiedene Schülerinnen und Schüler in offenen, persönlichen Worten darüber berichteten, was ihnen in ihrer Lebenszeit wichtig ist und was sie machten, wenn sie mehr Zeit hätten. Unterbrochen wurden die Vorträge durch lautes Uhrenticken, wobei sich die Schauspieler und Schauspielerinnen in Marionetten verwandelten, die zum Sekundenschlag tanzten, bis die Zeit schließlich stehen blieb. Die Zuschauer wurden eilig auf vier verschiedene Räume aufgeteilt, wo ihnen exakt fünfminütige Szenen zum Thema „Zeit“ vorgespielt wurden, danach wechselten die Besucher schnell die Räume, damit alle die vier Szenen nacheinander sehen konnten. Zurück in der Aula verlangsamte sich das Geschehen wieder. Als Hommage an John Cages Komposition 4:33 - ein Pianist nimmt am Flügel Platz und spielt fast fünf Minuten lang keinen Ton - aß auf der Schulbühne eine Schülerin genüsslich einen Keks. Sonst passierte nichts. Während das Kleingebäck in knapp vier Minuten restlos verputzt wurde, erlebte die eine oder andere unruhigere Natur unter den Gästen amüsiert, was das Idiom „Du gehst mir auf den Keks“ wirklich bedeutet.

Als Lohn der Geduld wechselten sich im Anschluss zwei Szenen ab, deren eigener Zeithorizont unterschiedlicher gar nicht sein konnte: Die erste basiert auf dem Stoff von Falk Richters „Electronic City“. In der von den Jugendlichen selbst verfassten Version schlagen sich gestresste Manager mehr schlecht als recht durchs hektische Leben. Kontrastiert wurde diese Szene durch die Bearbeitung eines Auszugs aus Igor Bauersimas Stück „Forever Godard“. Eine Frau hat ihr Gedächtnis verloren und ihr Mann versucht, in aller Seelenruhe und mit aller Zeit und Geduld bei ihr zu sein. Den Abschluss des Abends bildete der Vortrag von Ernst Jandls Gedicht „scheißen tag“, bei dem die Vortragende alle Uhren, die vorher im Aufführungsraum aufgehängt worden waren, abschnitt. Das Publikum applaudierte den jungen Künstlerinnen und Künstlern lang anhaltend und viele Stimmen äußerten sich positiv über den Mut der Jugendlichen und die Qualität der Darstellung.